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Einblick in die Praxis: Wie digitales Marketing das Handwerk voranbringt

„Wir machen Stuck aus Leidenschaft“, lautet das Motto von Stuck-Belz aus Bonn. Diese Leidenschaft ist nicht nur in den wunderschönen Stuckarbeiten zu sehen, die Michael Christmann, Stuckateurmeister und Geschäftsführer des Handwerksbetriebs, mit seinen zwölf Mitarbeitern erstellt, sondern auch im Interview, das die Redaktion von forum handwerk digital mit ihm führte. Denn passioniert ist der Handwerksmeister ebenso im Einsatz von digitalem Marketing, um seinen Betrieb noch bekannter zu machen. Wir wollten von ihm wissen, wie Facebook, Blog und Co. ihn dabei täglich unterstützen.

Herr Christmann, welche Maßnahmen ergreifen Sie im digitalen Marketing?

2010 sind wir verstärkt in die „digitalen Geschichten“ eingestiegen. Ehrlich gesagt, stand ich zuvor dem Digitalen eher verschlossen gegenüber. Wir starteten mit der Überarbeitung unserer CI (Anm. der Red. Corporate Identity) und relaunchten die Website, anstatt Tausende von Euros in klassische Werbung zu stecken. 2011 veröffentlichten wir den ersten Facebook Post, den ersten Blogartikel und luden unser erstes YouTube-Video hoch. Wobei es schon im Vorfeld Videos gab, denn bereits in den 80er-Jahren betrieb Stuck-Belz Kinowerbung.

Bislang gab es im Handwerk Videos für Schüler im Ausbildungszentrum, insgesamt aber wenig Bewegtbild in guter Qualität. Also schnappte ich mir eine gute Videokamera und nahm neben dem Tagesgeschäft Videos auf. Ich schnitt die Aufnahmen auf eine Minute zusammen und stellte sie bei YouTube ein. Die Essenz davon zeigt unser aktuelles Image-Video. Es zeigt vor allem, dass wir nahbar sind und natürlich viel mit unseren Händen arbeiten.

Neben Homepage, Facebook, YouTube und Blog sind wir auf Google+ und Xing vertreten und dort Mitglied in kleineren lokalen Gruppen. Auf Facebook posten wir mehrmals in der Woche, einmal im Monat erscheint ein neues Video und für den Blog ist ein Artikel in der Woche anvisiert. Mittlerweile geschieht Social Media ganz nebenbei. Wenn wir was Spannendes machen, halten wir die Kamera drauf. Ein kurzer Text dazu und schon ist der Post fertig. Oder wir nehmen Kundenfragen und beantworten diese im Blog.

Unser Geheimrezept ist aber die Verknüpfung von analog und digital. So arbeiten wir auch mit Flyern, Veranstaltungen, wie unsere Ladies Night, oder machen PR, zum Beispiel, als wir den Marketingpreis erhielten, oder den Engelchenmarkt im Herbst.

Was bedeutet für Sie digitale Vermarktung?

Ich finde, man muss durchaus auch kritisch mit dem Thema umgehen. Denn eine Facebook-Fanpage allein reicht nicht, um Aufträge zu generieren. Über Facebook direkt haben wir nach vielen Jahren erst vor Kurzem einen ersten Auftrag erhalten.

Was bringt es dann?

Wir profitieren vom digitalen Marketing vor allem im Employer Branding (dt. Arbeitgebermarkenbildung). Wo andere Betriebe keine Bewerbungen für Ausbildungen haben, bekommen wir zahlreiche. Wir erhalten außerdem überregionale Bekanntheit und auch Aufträge aus Städten, die wir früher nie erreicht hätten. Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zu dem, was wir früher in Printmedien ausgegeben haben. Es gibt eine messbare Reichweite. Letztlich zeigen wir immer wieder was von uns und zeigen auch, was im Betrieb passiert: Wie arbeiten wir? Wie sehen die Mitarbeiter aus? usw.

Welche Bedeutung hat das für den Erfolg Ihres Unternehmens?

Die digitale Vermarktung bringt noch mehr: So sind wir zum Beispiel der einzige Betrieb in Bonn, der ein freiwilliges soziales Jahr in der Denkmalpflege anbieten darf, und einer von 22 Betrieben in NRW. Aufgrund unserer Blogs und Videos ist die Stiftung Denkmalschutz auf uns zugekommen sowie auch eine Redakteurin der Lokalzeit im WDR. In 2017 veranstalteten wir die Ladies Night, bei der die Damen Engel in der Weihnachtszeit gossen, natürlich beim Gläschen Prosecco und in einem netten Ambiente bei Kerzenschein. Die Veranstaltung haben wir nur über Social Media beworben und sie war innerhalb von vier Stunden voll. Auch eine Zusatzveranstaltung eine Woche später war ausgebucht. In 2017 wurden wir dafür mit dem Marketingpreis des Handwerker-Magazins in der Kategorie Social Media ausgezeichnet. Außerdem bekamen wir vier Wochen später die bundesweite Auszeichnung „Innovativster Stuckateur des Jahres 2017“. Die Preise sind der Lohn für fünf Jahre digitale Marketingarbeit,

Herr Christmann, Sie nutzen Digitalisierung nicht nur in der Kommunikation, sondern auch in der Organisation.

Ja, wir nutzen unterschiedliche digitale Tools. So bewerkstelligen wir mittlerweile mit zwölf Mitarbeitern die Arbeit von 40, wobei wir uns mittlerweile nur unserer Kernkompetenz, der Altbausanierung, widmen. Ich möchte in der internen Organisation keinen Klebezettel mehr auf meinem Bildschirm sehen, wie es in den 90er-Jahren gang und gäbe war. Es gab Tage, da waren mein Bildschirm und meine Tastatur nicht mehr zu sehen.

Mittlerweile läuft die gesamte Kommunikation über E-Mail. Wir arbeiten hier seit über zehn Jahren digital. Wir setzen MS Project im Projektmanagement ein und Outlook für die interne Kommunikation. Als Branchensoftware arbeiten wir mit Winworker, da diese Handwerker-Software ihren Ursprung im Malerhandwerk hat und gut auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Übrigens beeinflusst der Einsatz der Tools die gesamte Denke, wie wir ein Projekt angehen. So nutzen wir schon in der Angebotsphase ein iPad direkt an der Baustelle, wo alle Aufmaße eingegeben werden. Das Programm errechnet daraufhin den Materialverbrauch. Das spart im Gegensatz zu früher Geld und Zeit. Denn da haben wir Material so Pi mal Daumen gekauft und mussten dann manchmal vom Kunden vor Ort noch mal in den Bauhandel fahren, weil wir zu wenig Material hatten – oder wir hatten welches über.

In der Essenz heißt das: Was früher drei Stunden gedauert hat, dauert heute zehn Minuten. Das ist der Fortschritt der Digitalisierung. Dabei weiß ich nicht nur direkt, wie viele Stunden ich für einen Auftrag brauchen werde und wie viele Mitarbeiter involviert sind, sondern auch den Tagespreis des Materials, denn das System ist mit zwei Baustoffhändlern verbunden.

Welche Vorteile ziehen Sie in Ihrem Unternehmen aus der Digitalisierung Ihrer Arbeitsabläufe? Was hat sich seitdem geändert?

Viele Dinge sind einfacher und schneller geworden. Alle regelmäßigen Vorgänge sind in Prozessbeschreibungen festgehalten. Auch neue Mitarbeiter können sich so einfacher einarbeiten.

Ganz aktuell führen wir eine digitale Zeiterfassung mit einer App auf dem Handy ein. Dann erhalten unsere Mitarbeiter die Arbeitsaufträge direkt auf das Smartphone, inklusive Zeitfenster für die Aufgabe, sodass die Produktivität besser gemessen werden kann. Wir können dann herausfinden, an welcher Stelle Produktivität verloren geht. Es kann aber auch sein, dass eine Kalkulation falsch ist, also zu wenig eingerechnet wird, sodass wir den Prozess dann neu kalkulieren.

Danke für das Gespräch, Herr Christmann.