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Check and Work – die Kooperationsplattform vom Handwerk fürs Handwerk

Die Firma Holl Elektro-Technik im pfälzischen Bobenheim-Roxheim führt seit 1990 elektrotechnische Dienstleistungen für Haushalt, Gewerbe und Industrie rund um die Metropolregion Rhein-Neckar aus. Als qualifizierter Meisterbetrieb der Elektroinnung bietet Gründer und Geschäftsführer Martin Holl mit seinem Team ein umfangreiches Leistungsportfolio an.

Das Credo von Martin Holl: „Der Grundgedanke der Digitalisierung ist die Vernetzung von allem und jedem.“ Genau das passiert bei Holl Elektro-Technik: Ein Handwerksunternehmen schaut über den Horizont des eigenen Geschäfts. Es vernetzt sich und andere Handwerksunternehmen auf der selbst ins Leben gerufenen und in Eigeninitiative entwickelten handwerksspezifischen Kooperationsplattform „Check and Work – die Kooperationsplattform mit Handwerksstolz“ (www.checkandwork.de).

Das Ziel lautet, wesentliche Herausforderungen der heutigen Zeit im Handwerk gemeinsam zu „stemmen“: Fachkräftemangel, Auftragsbeschaffung und Ressourcen-Pooling. Die Vorteile der Plattform Check and Work kommen den Teilnehmern zugute, die offen und zukunftsorientiert denken: Sie haben digital gemeinsam den Zugriff auf Geschäftschancen, die sich ihnen als „analoge“ Einzelkämpfer nicht bieten würden!

Martin Holl sicherte sich mit dieser Digitalisierungsinitiative eine Nominierung unter den Top Ten im Wettbewerb um den digital award handwerk 2020, der im November 2020 im Rahmen des 2. fhd-Online-Kongresses vergeben wurde.

Wir haben mit Martin Holl über die Hintergründe gesprochen, die zur Entwicklung der „Check and Work“-Plattform geführt haben.

Herr Holl, wie und in welchen Bereichen Ihres eigenen Unternehmens arbeiten Sie digital?

Martin Holl: Neben einer ERP-Software nutzen wir die MemoMeister-App zur Dokumentation auf Baustellen, Materialrest24 zur Wiederverwertung von übriggebliebenen Materialien und Check and Work für eine effiziente Auftragsauslastung.

In welchem Zeitraum wurde Ihr Digitalisierungsprojekt Check and Work umgesetzt und wo stehen Sie mit Blick auf Ihre Ziele damit?

Holl: Die konkrete Umsetzung von Check and Work erfolgte im Frühjahr 2019. Das Projekt ist insbesondere in den sozialen Medien sehr bekannt und mittlerweile eine Marke, die direkt mit „Lust auf Handwerk“ und „Kooperieren statt Konkurrieren“ beschrieben wird. Mittlerweile nutzen weit über 700 weitere qualitative Handwerksunternehmen deutschlandweit die Kooperationsplattform für ihre effiziente Auftragsauslastung.

Wie entstand die Idee zu Check and Work?

Holl: Die Idee zu Check and Work begann im handwerklichen Berufsalltag. Als Elektrounternehmen in der Pfalz hatten wir in den ersten 20 Jahren nie Probleme, neue Mitarbeiter für unser Unternehmen zu gewinnen. Entsprechend standen immer ausreichend Ressourcen für die Projektabwicklung zur Verfügung.

In den vergangenen zehn Jahren wurde dies allerdings immer schwieriger. Auch im Rahmen unseres Engagements zum Thema Berufsausbildung in der regionalen Elektroinnung haben wir schnell festgestellt, dass die Auszubildendenzahlen im Handwerk stetig sinken.

Verstärkend kam hinzu, dass immer mehr Fachkräfte selbst nach langjähriger Firmenzugehörigkeit in die Industrie abwanderten – zum Vorteil der Industrie, solche topausgebildeten Mitarbeiter zu bekommen, und zum Nachteil des Handwerks, diese zu verlieren. Resultat des Ganzen: Immer mehr Ausgaben für Mitarbeitergewinnung und nur noch sehr wenige Neueinstellungen, da der Markt mittlerweile wie leer gefegt scheint. Es musste also etwas passieren.

Als langjährig in seinem Gewerk tätiger Handwerksmeister hat man viel Erfahrung im Beruf, lebt für die Vielfalt und Besonderheit des Handwerks. Man tut sich aber oftmals schwer, die modernen Chancen von Online-Marketing und Social Media zu nutzen. Also diskutierten wir in der Familie, mit Freunden aus dem Handwerk, aber auch mit Unternehmerkollegen regelmäßig darüber, wie man dem Problem des Fachkräftemangels entgegenwirken kann.

Alle waren sich einig: Das Problem Fachkräftemangel kann zu einer echten Chance des Handwerks umgemünzt werden. Der Endkunde spürt durch lange Vorlaufzeiten immer mehr, wie wichtig das Handwerk für die Bevölkerung ist. Leider wird es aber nach wie vor noch etwas dauern, bis das Handwerk in Deutschland seinen neuen Glanz erhält.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Nachwuchskräfte wieder spürbar vermehren, kann es nur zwei Alternativen geben: Entweder jeder macht so weiter wie bisher, oder man sieht in seinen Handwerkskollegen keine Konkurrenz mehr, sondern die Chance, sich gegenseitig mit seinen wenigen, aber vorhandenen freien Kapazitäten zu unterstützen, wenn bei den Kollegen Not am Mann ist.

Im Kleinen, meist mit drei bis vier befreundeten Handwerksunternehmen, unterstützt man sich schon sehr lange. Jetzt ist es aber an der Zeit, dass jeder seine Netzwerke, auf die er sich in der Vergangenheit schon immer verlassen konnte, auf die Plattform holt!

Gemeinsam geht schließlich mehr! Es entsteht eine Win-win-Situation: Es profitiert sowohl das Unternehmen, das aktuell schnellstmöglich fachliche Unterstützung benötigt, als auch das Unternehmen, das durch Projektverschiebung oder aus anderen Gründen kurzzeitig freie Kapazitäten zur Verfügung hat und bereitstellen kann.

Haben Sie externe Impulse für die Entwicklung der „Check and Work“-Plattform aufgenommen, z. B. über Berater, Digitalisierungs-Workshops, Praxisbeispiele aus Ihrem Gewerk oder recherchierte Erfolgsbeispiele aus anderen Unternehmen?

Holl: Prinzipiell kamen alle Impulse aus dem Alltag. Um es ganz einfach auszudrücken: Bei Check and Work matchen sich qualitativ hochwertig arbeitende Handwerksunternehmen, die fachliche Unterstützung benötigen oder bieten können.

Was war der akute Auslöser hinter Ihrer Entscheidung, Check and Work als Digitalisierungsprojekt neben der Digitalisierung der Prozesse im Tagesgeschäft Ihres eigenen Handwerksunternehmens anzustoßen und umzusetzen?

Holl: Unser persönliches Netzwerk wurde immer größer. Damit wuchs auch die Anzahl an Teilnehmern in unseren WhatsApp-Gruppen, mit denen man versuchte, sich schnell und einfach auszutauschen. Schnell wurde klar, dass dies kein geeignetes Medium ist, um in unserem wachsenden Netzwerk ein passendes Handwerksunternehmen als Partner bei Auftragsspitzen, Großaufträgen oder gewerkeübergreifenden Tätigkeiten zu finden. Auch das stundenlange Anrufen, E-Mail- und SMSSchreiben an die entsprechenden Kollegen aus dem Netzwerk konnte nicht länger das Mittel der heutigen Zeit sein. Es musste eine Infrastruktur geschaffen werden, mit der man schnell, einfach und zielgerichtet geeignete Kollegen über seinen Bedarf informieren kann.

Welche konkreten wirtschaftlichen und praktischen Vorteile konnten Sie durch die Umsetzung der „Check and Work“-Plattform für Ihr Unternehmen erreichen?

Holl: In Zeiten des Fachkräftemangels ist es unvermeidbar, dass gute Handwerksbetriebe sich gegenseitig partnerschaftlich unterstützen. Mit Check and Work haben wir hierzu eine Plattform geschaffen, die sich zu einem deutschlandweiten, verlässlichen Netzwerk aus geprüften Fachbetrieben aus dem Bau- und Ausbaugewerbe entwickelt.

Jedes Handwerksunternehmen, das sowohl die gestellten Anforderungen erfüllt als auch den Kooperationsgedanken lebt, kann hier dazustoßen. Somit muss zukünftig nicht mehr jeder im Kleinen viel Aufwand in das Bilden seines eigenen Netzwerkes stecken.

Darüber hinaus ist die Infrastruktur geschaffen, schnell und einfach mit nur einer einzigen Anfrage die entsprechenden Kollegen im gewünschten Zielgebiet zu erreichen. Dies spart sehr viel wertvolle Zeit und führt automatisch über die Bildung der Kooperationen zu einer persönlichen Netzwerk- und Erfahrungserweiterung mithilfe der Plattform.

Besonders für junge Unternehmer, die sich gerade erst selbstständig gemacht haben, ist es eine geniale Möglichkeit, sich den Einstieg in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Im Austausch mit den bereits langjährig tätigen Firmen profitieren sie sowohl von deren Erfahrungen als auch von den übermittelten Teilaufträgen und helfen gleichzeitig beim Abbau von Auftragsspitzen.

Somit profitieren auch die Mitarbeiter der ausgelasteten oder überlasteten Unternehmen, die dadurch entlastet werden können. Letztlich kann man zusammenfassen: Je mehr ein Unternehmen kooperiert, desto mehr gewinnt es an Umsatz, Profit und Erfahrung!

Ganz aktuell bekommt Check and Work auch immer mehr Bedeutung bei großen Konzernen, die zur Umsetzung ihrer Projekte in der Regel eine hohe Anzahl an Personal benötigen. Im Handwerksbereich gibt es nicht viele Unternehmen, die solche Großprojekte alleine annehmen können.

Mittlerweile haben sich jedoch schon zum wiederholten Mal fast 30 Elektrobetriebe über Check and Work zusammengetan und deutschlandweite, lukrative Großprojekte gemeinsam umgesetzt und diesen Umsatz ins Handwerk geholt!

Haben Sie im Rahmen der Umsetzung Risiken in Kauf genommen, um Ihre Ziele zu erreichen? Wenn ja, welche?

Holl: Das Risiko blieb von Anfang an auf einem überschaubaren Niveau. Es kostete sehr viel Zeit, bis die Gedanken zu Check and Work formuliert waren, noch mehr Zeit und Geld, bis das Portal umgesetzt war, und jede Menge Überzeugungskraft, Kollegen aus dem eigenen Netzwerk von den ganzen WhatsApp-Gruppen etc. hin zu Check and Work zu holen, diese davon zu überzeugen, auch mit Unternehmen Kooperationen einzugehen, die man zuvor noch nicht persönlich kannte.

Letztlich führten die Erfahrungen der einzelnen Kollegen dazu, dass sie anfingen, Check and Work immer mehr in ihrem Alltag zu nutzen. Damit erkannten sie auch, wie wichtig es war bzw. ist, ihr persönliches Netzwerk auf die Plattform nachzuziehen.

Könnten Sie kurz erläutern, unter welchen Aspekten Sie die für die Entwicklung und Implementierung von Check and Work benötigten   Technologien, Produkte oder Services ausgewählt haben?

Holl: Wichtige Aspekte waren der Kostenaufwand, die persönlichen Möglichkeiten zur Umsetzung, Zukunftsrelevanz, DSGVO-Konformität und Benutzerfreundlichkeit.

Herr Holl, wir bedanken uns sehr herzlich für diese Einblicke!

 

Video-Tipp: Digitalen Vorreitern über die Schulter geschaut

Was machen digitale Vorreiter wie Martin Holl anders? Und wie machen sie es? Im Rahmen des fhd-Online-Kongresses 2020 haben in Sachen Digitalisierung erfahrene Handwerksunternehmer und Digitalisierungsexperten wertvolle Einblicke in Strategien gegeben, über konkrete Motive berichtet, von Hürden, Risiken und Erfolgen erzählt und praxiserprobte, am Markt verfügbare Digitalisierungslösungen vorgestellt. https://www.forum-handwerk-digital.de/mediathek/so-geht-digitalisierung-im-handwerk-digitalen-vorreitern-ueber-die-schulter-geschaut/

Sie können die einzelnen Themenslots des fhd-Online-Kongresses 2020 als On-demand-Video in unserer Mediathek anschauen.

((LINK https://www.forum-handwerk-digital.de/mediathek-kategorien/online-kongress-2020/ ))

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