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Interview: Digitale Planung und Zusammenarbeit am Bau – welche Folgen hat BIM fürs Handwerk?

Building Information Modeling (BIM) soll der digitale Planungsstandard in der Baubranche werden. In Schweden und Finnland ist BIM bei den großen Bauunternehmen bereits Alltag. Die dortigen Subunternehmer haben sich darauf eingestellt.

Auch in Deutschland soll BIM laut Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) ab 2020 in öffentlichen Bauvorhaben als Planungssystem stufenweise eingeführt werden.

Was hier auf Handwerksbetriebe zukommt, wie schnell Sie sich auf diese Entwicklungen einstellen sollten und was zu beachten ist, erläutert Jens Bille vom Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz-Universität in Hannover.

Herr Bille, ganz kurz zum Verständnis: Wie unterscheidet sich BIM aus Ihrer Sicht von längst im Handwerk eingesetzten digitalen Planungswerkzeugen, z. B. CAD?

Im Prinzip kann man Building Information Modeling (BIM) als technische Weiterentwicklung verstehen. Bisher werden digitale Planungswerkzeuge überwiegend im Bereich 2-D oder 3-D genutzt, wobei im Bereich 3-D entstandene Modelle rein der Visualisierung dienen.

Hier geht BIM nun einen Schritt weiter und ergänzt die Visualisierung zu einem intelligenten, objektorientierten Modell. Das 3-D-Modell wird mit allen für den Bau relevanten Informationen ergänzt und steht den Baubeteiligten als Entscheidungsgrundlage zentral und immer aktuell zur Verfügung.

Wenn z. B. der Architekt oder Handwerker in einem Modell eine Wand anklickt, werden ihm alle relevanten Daten, wie Material, Fläche und angrenzende Bauteile usw., angezeigt.

Es kommt häufig vor, dass Änderungen an den Bauplänen nicht rechtzeitig vermerkt oder weitergegeben werden. Durch den Einsatz von BIM wird mehr Wert auf eine vollständige Planung gelegt, der Austausch und die Zusammenarbeit der einzelnen Gewerke erhöht.

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) plant ja die stufenweise Einführung von BIM ab 2020. Da geht es um öffentliche Bauvorhaben. Wie schätzen Sie die Strahlkraft dieser Initiative in die private Bauwirtschaft und dort in die ausführenden Handwerksbetriebe ein?

Ich finde die Initiative des BMVI richtig, da man etwas gegen die bisherigen Missstände tun möchte, um Bauten wieder hochwertig, termingerecht und im Kostenrahmen realisieren zu können.

Leider kommt BIM und der Mehrwert dieser Arbeitsmethode nur schleppend in der privaten Bauwirtschaft sowie ausführenden Handwerksunternehmen an. Informations- und Qualifizierungsangebote sind vorhanden.

Zurzeit befinden wir uns in einer wirtschaftlich hervorragenden Situation und Handwerksbetriebe haben volle Auftragsbücher. Da bleibt leider wenig Zeit, sich mit der möglichen Zukunft auseinanderzusetzen.

Gibt es Pläne des Gesetzgebers, die „Methode BIM“ für Bauvorhaben jeder Art verbindlich zu machen?

Dieses ist mir nicht bekannt. Es gibt Nennungen der Methode im Koalitionsvertrag der neuen Großen Koalition. Aber es geht hier nur um Bauten im Infrastrukturbereich.

Müssen Handwerksbetriebe neue Software anschaffen, um in den Ausschreibungen für BIM-gesteuerte Bauprojekte überhaupt noch wettbewerbsfähig zu sein?

Um an Ausschreibungen teilnehmen zu können, benötigt man ein digitales Werkzeug, um BIM-Modelle auszuwerten bzw. auf die relevanten gewerkspezifischen Daten zugreifen zu können. Dafür kommen sogenannte BIM- oder ifc-Viewer zum Einsatz. Diese kann man sich kostenfrei im Internet herunterladen. Es stehen verschiedene Software-Angebote zur Auswahl und deren Nutzung ist recht schnell zu erlernen.

Diese Software wird nicht nur für die Ausschreibung benötigt, sondern auch zur Weiterverarbeitung der Daten, wenn die Handwerksfirma den Auftrag erhält. Ich rate aber dringend dazu, nicht blind irgendwelche Software anzuschaffen. Das sollte gut überlegt sein.

Greifen unterschiedliche BIM-fähige Softwaresysteme auf Daten eines gemeinsamen BIM-Standards zu oder kocht hier jeder Softwarehersteller sein eigenes „Süppchen“?

Um das eigenen „Süppchen“ oder Medienbrüche beim Datenaustausch zu vermeiden, hat man sich auf ein einheitliches, herstellerneutrales Datenaustauschformat geeinigt. Dieses Format heißt ifc (Industry Foundation Classes) und ist in den aktuellen Softwareprodukten enthalten.

Leider „kochen“ trotzdem große Bauunternehmen teilweise ihr eigenes Süppchen. Dieses hätte für Betriebe, die evtl. als Subunternehmen tätig sind, den Nachteil, dass teure Software vorgegeben und angeschafft werden muss.

Wo kann sich ein Handwerksunternehmer individuell auf seinen Betrieb zugeschnittenen „guten Rat“ in Sachen BIM holen?

In den Handwerkskammern, den Innungen, den Fachverbänden und in den Kreishandwerkerschaften ist das Thema meistens bekannt und ich würde mich dort nach einem Ansprechpartner informieren.

Ergänzend steht das Netzwerk der Beauftragten für Innovation und Technologie (BIT) zur Verfügung. Diese Personen finden Sie bei den gleichen Handwerksorganisationen.

Seit September 2017 gibt es im Rahmen des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk einen Themenschwerpunkt „Digitales Bauen“ in Krefeld, angesiedelt im Bildungszentrum des Baugewerbes e. V. .

Herr Bille, wir bedanken uns für diese interessanten Informationen!

Foto: © goodluz / stock.adobe.com

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