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Praxisbeispiel Paul Jehle GmbH: Digitales Werkzeug selbst gebaut und patentiert!

Die Paul Jehle GmbH mit Sitz in Ravensburg ist als Familienunternehmen seit mehr als 30 Jahren im Elektro-, Brandmelde- und Sicherheitstechnik-Handwerk tätig. Seit der Gründung unseres Unternehmens gelten zwei Grundsätze: die Lieferung höchster Qualität und höchste Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern.

Heute ist das Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern eines der größten in der Region. Über die traditionelle Elektrotechnik hinaus verfügen die Experten über ausgeprägtes Wissen und Erfahrung in der sicherheits- und brandtechnischen Absicherung von Privathäusern, Gewerbe- und Industrieeinrichtungen, Pflegeheimen, Kirchen und Kapellen.

Kernkompetenzen in der Sicherheitstechnik sind die Installation, Reparatur und Wartung von Einbruch- und Brandmeldeanlagen. Der Betrieb verfügt über die VdS-Zertifizierung für Einbruch- und Brandmeldeanlagen und ist auch bei Video-, Schließ- und Lichtrufanlagen mit RWA- und Notstromtechnik ein routinierter Ansprechpartner.

Die Paul Jehle GmbH ist zukunftsorientiert und möchte jungen Menschen optimale Perspektiven in allen Bereichen bieten. Dazu zählt der Neubau eines Hallen- und Bürokomplexes mit einer Lehrwerkstatt.

Wir sprachen mit Claudius Jehle, Sohn des Inhabers Paul Jehle, über eine interessante digitale Eigenentwicklung für den handwerklichen Arbeitsalltag, die das Unternehmen selbst angestoßen, patentiert und umgesetzt hat.

Herr Jehle, wie und in welchen Bereichen Ihres Unternehmens wird digital gearbeitet?

Wir haben bereits große Teile des Bestell- bis hin zum Aufmaßwesen auf dem Bau digitalisiert. Insbesondere beim Kabelverlegen und beim Aufmaß haben wir ein patentiertes Messverfahren erfunden.

Es handelt sich um ein Messgerät, das direkt an der Trommel sitzt, permanent die Restlänge misst und abgeschnittene Kabelmengen sofort lückenlos per Bluetooth aufs Monteur-Handy in eine App schickt und so dokumentiert, Start, Ziel, Verwendungszweck, Positionsnummer usw. protokolliert und direkt in die Buchhaltung schickt. Auch stückweises Aufmessen ist möglich.

Wir vernetzen auch Baustromkästen mit WLAN-Dongles. Das ermöglicht eine reibungslose Rechnungslegung, stark verringerten Schreibaufwand für unsere Fachkräfte an der Front und fast 30 Prozent weniger Zeitaufwand. Das ist gespartes Geld. Wir ziehen das bis zum Bestellprozess durch.

In welchem Zeitraum haben Sie Ihr Digitalisierungsprojekt umgesetzt?

Wir haben 2015 damit begonnen, schrittweise Bereiche direkt am Bau zu digitalisieren. Neben Projekten junger Kollegen, wie das WLAN im Baustromkasten, ist unser Vorzeigeprojekt das Kabelaufmaßverfahren „AUFMASTER“, das seit 2016 vorkommerziell aus eigenen Mitteln finanziert wurde und jetzt professionalisiert wird.

Können Sie für unsere Leser die Entstehung der Idee beschreiben?

Es begann 2015 in Südtirol beim Bergsteigen. Senior Paul Jehle diskutierte mit meinem Bruder Constantin, der Elektromeister ist, und mir als Ingenieur über die großen Aufwände beim Kabelaufmaß. Die Idee war, permanent die Restlänge am Kabelinnenende zu messen und Änderungen bzw. Abschnitte an eine App zu melden. Mit einem Studenten wurde sofort nach Rückkehr ein Prototyp gelötet.

Schon im folgenden Jahr haben wir 150 Messgeräte bei einem Fertiger in Auftrag gegeben. Die App wurde nachts geschrieben.

Das System ist bei vier Betrieben seit 2016 im täglichen Einsatz. Inzwischen haben wir einen Vertriebs- und Entwicklungspartner gefunden und mit zwei Angestellten werden Messgerät, App und Cloud-Lösung professionalisiert.

Haben Sie externe Impulse aufgenommen, beispielsweise über Berater, Digitalisierungs-Workshops, Praxisbeispiele aus Kollegenunternehmen Ihrer Branche oder Ihres Gewerks?

Wir haben sehr viel mit Elektrikern und Kunden geredet und waren mit der Idee auf verschiedenen Veranstaltungen. Die Testgeräte haben wir vielen Elektrikern zum Test gegeben und sehr detailliert Feedback eingesammelt. Andere beziehungsweise externe Hilfe haben wir nicht genutzt.

Was war die Motivation hinter Ihrer Entscheidung, diese Digitalisierungsentwicklung in Ihrem Unternehmen anzustoßen und umzusetzen?

Der Fachkräftemangel. Die wenigen Profis „an der Front“, die wir bekommen, müssen Werte schaffen und nicht Dokumentationsarbeit leisten. Der AUFMASTER nimmt praktisch die gesamte Nachmess- und Schreibarbeit von ihren Schultern.

Auch im Büro entfallen erhebliche Mengen an Nacharbeiten. Es gibt kein Abtippen von „Schmierzetteln“ mehr.

Außerdem streitet man sich weniger mit den Auftraggebern über verlegte Kabelmengen.

Welche konkreten wirtschaftlichen und praktischen Vorteile konnten Sie für Ihr Unternehmen erreichen?

Ich denke, dass wir durch den Wegfall von Nachmessen, Aufschreiben, Transport von Aufmaßzetteln ins Büro, das Abtippen und Jonglieren von Excel-Listen 20–30 Prozent an Arbeitszeit sparen. Das ist erheblich.

Ganz praktisch gesehen wird dem Fachmann bzw. der Fachfrau die unliebsame Schreibarbeit abgenommen. Man kann sich auf die Arbeit fokussieren. Auch im Büro entsteht weniger „Stress“ beim Entziffern und Abtippen der Listen. Und es gibt wie gesagt weniger Diskussionen über die Menge.

Haben Sie im Rahmen der Umsetzung Risiken in Kauf genommen?

Wir sind mit mittlerweile gut 100.000 Euro gegen alle „So ein Unfug!“-Rufe in Vorleistung gegangen. Auch ein Europa-Patent haben wir angemeldet und bekommen. Es ist noch unklar, ob sich das refinanziert oder durchsetzt. Mittlerweile bekommen wir aber irres Feedback und können gar nicht warten, bis die nächste AUFMASTER-Generation fertig ist.

Unter welchen Aspekten haben Sie Technologien, Produkte oder Services ausgewählt?

Da sind zu nennen: Zeit- und Kostenersparnis beim Dokumentieren, höhere Mitarbeitermotivation und nicht zuletzt: Stillstand ist Rückschritt! Wir müssen vorankommen!

Bildquelle: Paul Jehle GmbH

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